Hat Kia mit dem Kia EV4 GT Line einen automobilen Rebellen geschaffen oder nur ein verkanntes Genie? Sie versprechen eine technologische Revolution, doch was wir bekommen haben, ist ein extrem geräumiges und kühnes Auto, an das sich der Fahrer erst einmal gewöhnen muss. Wir haben getestet, wie sich dieses elektrische Sondermodell im Alltag schlägt und warum es Sie trotz einiger jugendlicher Eigenheiten durchaus überzeugen könnte. Mehr dazu in unserem Test – Kia EV4 GT Line.
In der heutigen Automobilwelt ist es am einfachsten, ein weiteres langweiliges und sicheres Auto zu bauen, das zwar niemanden stört, aber gleichzeitig auch niemanden wirklich begeistert. Kia spielt dieses Spiel ganz offensichtlich nicht mehr. Als ich zum ersten Mal vor dem neuen Kia stand, war ich sofort begeistert. Kia EV4 GT-LinieIch muss zugeben, dass die Designer bei ihrer Arbeit viele Lineale und scharfe Winkel verwendet haben. Das Design des Wagens ist extrem gespalten. Mit seinen vielen Ecken und sich kreuzenden Linien wirkt er aus manchen Blickwinkeln wie ein futuristisches Fahrzeug aus dem Spiel Minecraft, aus anderen wiederum vermittelt er einen sehr markanten, fast schon konzeptionellen Eindruck auf der Straße. Er ist nicht jedermanns Sache, aber wer etwas Außergewöhnliches sucht, wird beeindruckt sein.
Doch die eigentliche Überraschung erwartete mich, als ich die Tür öffnete.

Wo bleibt der neue Geruch und das digitale Versteckspiel?
Jeder Autoliebhaber weiß, dass der erste Kontakt mit einem Neuwagen olfaktorisch ist – der Duft der Frische. Interessanterweise roch unser Testwagen, ein Kia EV4, trotz seines fast neuen Zustands überhaupt nicht. Vielleicht liegt es an der Verwendung neuer, recycelter und umweltfreundlicher Materialien, aber ich kann nicht darüber hinwegsehen, dass sich im Innenraum etwas mehr hartes und billig wirkendes Plastik verbirgt, als man in dieser Preisklasse erwarten würde.

„Im Zeitalter intelligenter Lösungen ist das Auto zu einem Rätsel geworden. Aber wenn man es einmal gelöst hat, lässt es einen nicht mehr los.“
Das Infotainmentsystem ist umfangreich und optisch ansprechend, doch die Ingenieure haben es mit der Digitalisierung etwas übertrieben. Die Ergonomie ist gewöhnungsbedürftig. So ist beispielsweise der Bildschirm mit den Klimabedienelementen komplett hinter dem Lenkrad versteckt. Während der Fahrt muss man sich leicht zur Seite lehnen, um die Temperaturanzeige abzulesen. Auch die ansonsten exzellenten Assistenzsysteme ließen mich im Stich: Obwohl das Testfahrzeug voll ausgestattet war, konnte ich die automatische Fernlichtfunktion nicht intuitiv und schnell aktivieren. Ich bin mir sicher, dass das Auto diese Funktion besitzt, sie ist aber offensichtlich tief im digitalen Menülabyrinth versteckt.

Zahlen: Stabilität und die Realität der alltäglichen Elektrizität
Unter all dem scharfe Kanten Verbirgt sich moderne und leistungsstarke Technologie. Das Herzstück des Wagens ist eine große Lithium-Ionen-Batterie mit 81,4 kWh Bruttokapazität (und 78,0 kWh nutzbarer Nettokapazität). Der vorn montierte Elektromotor leistet souveräne 150 kW (201 PS) und 283 Nm Drehmoment. Tritt man aufs Gaspedal, beschleunigt diese futuristische Kutsche in nur 7,7 Sekunden auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit ist elektronisch auf 170 km/h begrenzt. Trotz der 19-Zoll-Räder ist der Fahrkomfort hoch, die Lenkung wirkt etwas künstlich gewichtet, ist aber extrem präzise, und die Bremsen verdienen für ihr natürliches Ansprechverhalten die volle Punktzahl.

Wie sieht es in der Realität mit dem Elektroantrieb aus? Der WLTP-Standard verspricht eine Reichweite von 625 Kilometern, doch unsere etwas dynamischeren und realistischeren Tests haben die Werte schnell auf ein solides Niveau gebracht. Das Auto verbrauchte etwa 20 kWh pro 100 km (321 Wh/Meile). Bei einer nutzbaren Batteriekapazität von 78 kWh entspricht das in der Praxis einer Reichweite von rund 390 Kilometern (242 Meilen). Für ein Fahrzeug dieser Größe ist das ein absolut solider Wert, auch wenn er keine Klassenrekorde bricht. Im leeren Zustand nutzt der EV4 eine 400-Volt-Architektur. An einem DC-Schnelllader zieht er bis zu 135 kW, wodurch der Akku in völlig akzeptablen 33 Minuten von 10 auf 80 % geladen wird. Etwas langsam.
Die positive Seite: Limousinenkomfort und Zukunftstechnologie
Ohne zu pingelig zu sein, lohnt es sich, die größten Vorzüge des Wagens hervorzuheben. Sieht man einmal von dem etwas billig wirkenden Plastik ab, so präsentiert sich der Innenraum des Kia EV4 GT Line wie ein Wohnzimmer. Dank des extralangen Radstands bieten die Rücksitze tatsächlich die Beinfreiheit einer Oberklasse-Limousine. Auch der Kofferraum enttäuscht nicht: Mit 435 Litern (15,3 Kubikfuß) bietet er ein sehr praktisches Layout für alle Familienausflüge.





Seine verborgenen Stärken sind das bidirektionale Laden und die damit verbundene Sicherheit. Dank des V2L-Systems (Vehicle-to-Load) mit einer Leistung von 3,6 kW können Sie Ihren Laptop, Ihre Kaffeemaschine oder sogar Ihr E-Bike überall in der freien Natur aufladen. Ihr Auto wird so ganz einfach zu Ihrer mobilen Powerstation.
Fazit: Ein mutiger Schritt, der Beachtung verdient.
Der Kia EV4 GT Line erfordert eine etwas taktischere Herangehensweise. Ein voll ausgestattetes Testmodell mit zahlreichen Assistenzsystemen kostet rund 54.000 Euro. Zugegeben, für diesen Preis würden wir uns hochwertigere Materialien am Armaturenbrett, einen schnelleren Zugriff auf die Klimaanlage und Menüs wünschen, die nicht erst umständliche Anleitungen zum Einschalten des Fernlichts erfordern. Der reale Verbrauch von 20 kWh/100 km zeigt zudem, dass das Design seine aerodynamischen Nachteile hat.

Es wäre jedoch unfair, ihn nur nach seinen Launen zu beurteilen. Der EV4 ist ein unglaublich treuer Begleiter mit erstklassigen Bremsen, einem Platzangebot, das so manche größere Limousine in den Schatten stellt, und einem markanten Design, das Sie von der Masse abhebt. Hinzu kommt die nützliche V2L-Funktion und Kias Hinter der legendären 7-Jahres-Garantie verbirgt sich ein äußerst benutzerfreundliches und praktisches Familienauto. Es ist nicht perfekt, aber zweifellos ein Auto mit starkem Charakter – und davon gibt es heutzutage leider nur noch wenige.






