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MING 29.06 Guckkasten: Eine Uhr als optischer Trick

Wenn Licht materiell wird und das Zifferblatt aus dem Blickfeld verschwindet

MING
Foto: Ming

Die Uhrenmanufaktur MING ist keine klassische Schweizer Erfolgsgeschichte. Sie wurde von dem Fotografen Ming Thein gegründet, der seine Karriere der obsessiven Erforschung des Lichts, seiner Reflexionen und Texturen widmete. Diese visuelle Disziplin fließt nun direkt in die Uhren ein.

Nach Modell 57.04 IrisNachdem MING bereits ein Zifferblatt mit mehrphasigem Farbwechsel eingeführt hatte, geht das Unternehmen nun noch einen Schritt weiter. 29.06 Peep Show Es ändert nicht nur die Farbe – es verändert die Präsenz des Zifferblatts selbst. Manchmal ist es da. Manchmal nicht.

Optischer Trick: Wenn Zeiger keine Zeiger mehr sind

Das Herzstück der Uhr ist überraschend einfach und zugleich äußerst raffiniert. Die klassischen Zeiger wurden durch zwei Scheiben aus linear polarisiertem Saphirglas ersetzt. Diese fungieren als optische Filter und regulieren, wie viel Licht auf das Zifferblatt fällt.

Sind die Scheiben ausgerichtet, dringt Licht hindurch und enthüllt ein schillerndes, mehrschichtiges Guilloche-Zifferblatt. Dreht man sie um 90 Grad, wird die Polarisation aufgehoben – das Licht erlischt und das Zifferblatt verschwindet in nahezu völliger Schwärze.

Foto: Ming

Die Uhr wechselt somit ständig zwischen drei Zuständen: Farbe, Reflexion und Dunkelheit. Es handelt sich nicht um eine klassische Zeitanzeige, sondern um eine langsame optische Transformation.

Skala: zwischen einem Ölteppich und einem Lichtspektrum

Beim Aufklappen gibt das Zifferblatt ein tiefes, CNC-gefrästes Guilloche-Muster frei, das mit einer mehrphasigen Farbbeschichtung überzogen ist. Dadurch entsteht ein Effekt, der je nach Lichteinfall zwischen blauen, violetten und magentafarbenen Tönen wechselt.

Es ist dieselbe visuelle Sprache, die MING mit dem Iris-Modell eingeführt hat – aber hier ist sie noch extremer, da die Polarisation ständig „ein- und ausgeschaltet“ wird. Das Ergebnis ist eine Oberfläche, die fast flüssig wirkt, als wäre sie aus Lichtwellen zusammengesetzt.

Foto: Ming
Foto: Ming

Wohnbereich: bekannte Architektur der Serie 29

Hinter dem optischen Spiel verbirgt sich die unverwechselbare Designsprache von MING. Das Gehäuse besteht aus Titan der Güteklasse 5 und zeichnet sich durch markante, „schwebende“ Bandanstöße sowie den Verzicht auf eine klassische Lünette aus.

Der Durchmesser beträgt 40 mm, die Dicke 11,8 mm. Das Saphirglas erstreckt sich ununterbrochen über die gesamte Oberseite und erweckt so den Eindruck, als schwebe das Zifferblatt unter dem Glas. Die Wasserdichtigkeit beträgt weiterhin praxisnahe 50 Meter.

Mechanik: Eine ernstzunehmende Uhr unter einer verspielten Oberfläche

Im Inneren funktioniert das Kaliber ASE 200.M1, entwickelt für MING vom Hersteller Schwarz-EtienneEs handelt sich um ein automatisches Uhrwerk mit Mikrorotor, offener Brückenarchitektur und einem hohen Grad an Bildverarbeitung.

Die Trommel ist teilweise skelettiert, was eine grobe Abschätzung der Gangreserve ermöglicht. Die gesamte Konstruktion ist diamantgeschliffen, wodurch die Tiefe und die Schichtung der Mechanik betont werden.

Die Gangreserve beträgt etwa 86 Stunden, womit die Uhr zu den technisch anspruchsvollen modernen Automatikuhren zählt.

Foto: Ming
Foto: Ming
Foto: Ming

Das Trageerlebnis: Eine Uhr als langsame Performance

Das Interessanteste an der Peep Show vom 29.06 ist nicht die technische Komplexität, sondern das Verhalten der Uhr im Laufe der Zeit.

Diese Uhr lässt sich nicht auf Anhieb „lesen“. Sie ist ein Objekt, das sich selbst dann verändert, wenn man sie nicht betrachtet. Im einen Moment ist sie völlig offen und farbenfroh, im nächsten fast unsichtbar.

MING löst das Problem der Lesbarkeit nicht, sondern verwandelt es bewusst in ein Erlebnis. Zeit wird zu etwas, das man beobachtet, nicht nur liest.

Limitierte Auflage und die Realität des Luxus

Modell 29.06 Peep Show Die Auflage ist auf 50 Stück limitiert. Der Preis liegt bei ca. 22.000 CHF (ohne Steuern), womit sie sich eindeutig im Segment der gehobenen unabhängigen Uhrmacherkunst einordnet.

Es handelt sich um einen Artikel, der nicht für den Massenmarkt bestimmt ist, sondern für eine ganz bestimmte Art von Sammlern – nämlich für diejenigen, die bei einer Uhr nach einer Idee suchen und nicht nur nach Prestige.

Schlussfolgerung: Licht als einziger wahrer Komplikationsmechanismus

Die MING 29.06 Peep Show ist eine jener Uhren, die das klassische Funktionsverständnis sprengt. Sie ist nicht darauf ausgelegt, praktischer oder präziser zu sein. Sie soll Ihren Look verändern.

Durch die Kombination von Polarisation, Farbumwandlung und mechanischer Härte schafft er ein Objekt, das sowohl eine Uhr als auch ein optisches Experiment ist.

In einer Welt, in der die meisten Uhren wieder auf Traditionen setzen, geht MING einen anderen Weg: Sie verschiebt die Grenzen der Wahrnehmung.

Und genau deshalb ist es so schwer zu vergessen.

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